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Patchworking – Wenn Mama Papas Neue beim Bäcker trifft

Von FinanceScout24 | 21.November 2011

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Das Buch “Die Patchwork-Lüge“ von Melanie Mühl sorgt derzeit für erhitzte Gemüter. Die Journalistin Dr. Sabine Rohlf nimmt das Buch genauer unter die Lupe und zeichnet ein weit versöhnlicheres Bild dieses Familienmodells.

Wenn ich das Wort „Patchwork“ höre, denke ich an die prachtvollen Quilts der amerikanischen Siedlerinnen. Sie machten aus Resten das Beste, sie mussten es tun, denn sie hatten nichts anderes. Ihre Decken bestehen aus sorgfältig miteinander vernähten Stofffitzelchen. Das sind echte Kunstwerke, manche von ihnen hängen im Museum.

Die FAZ-Redakteurin Melanie Mühl assoziiert mit Patchwork „Flickwerk“, ja „Missgriff, Schnitzer und Schrott“. Auf dem Cover ihres neuen Buches „Die Patchwork-Lüge“ taumeln bunte Papierfiguren durch die Luft, nur wenige von ihnen berühren sich. Dieses Bild veranschaulicht, worüber Mühl auf ungefähr 170 Seiten schreibt: nämlich die These, dass unsere schnelllebige, auf Flexibilität fixierte Gesellschaft familiäre Bindungen zerstört. Mit dem hübschen Wort „Patchwork-Familie“ würden Medien und Ratgeberliteratur so tun, als sei das kein Problem.

Mühl spricht lieber von „Scheitern“ oder „zerrütteten Familien“ und weist dabei auf die 80er-Jahre: „Damals gestand man sich noch ein, dass Scheidungen schmerzhaft sind.“ Auf vielen Seiten ihres Buches thematisiert sie diesen Schmerz. Sie bezieht sich auf Studien, nach denen „Scheidungskinder“ traumatisiert und besonders anfällig für Drogen oder Depressionen seien. Sie nennt diese Kinder „tickende Zeitbomben“ und zitiert einen Wissenschaftler, der sagt, es sei manchmal leichter zu ertragen, wenn ein Elternteil stirbt, als wenn es die Familie verlässt.

Der Untertitel des Buches „Eine Streitschrift“ macht klar, dass hier jemand provozieren will. Es ist ja nie verkehrt, gesellschaftliche Übereinkünfte kritisch zu beleuchten. Fragt sich nur, wie man es tut. Mühl bleibt ziemlich abstrakt. Sie kritisiert die Boulevardpresse und TV-Programme, zitiert Scheidungsanwälte, verweist auf Statistiken und Studien, wobei man gern genauer wüsste, wann und wo sie entstanden. Nur ganz selten präsentiert sie konkrete Beispiele, nette Menschen kommen nicht vor.

Ich weiß ja nicht, wie es in Frankfurt ist, wo Mühl offenbar lebt, hier in Berlin (ihrer Meinung nach eine Hochburg dauerjugendlicher Verantwortungsverweigerer) kenne ich keine Eltern, die ihre „Selbstoptimierung“ über die Gefühle der Kinder stellen. Scheitern Beziehungen, denkt niemand, ein Verlust sei kein Verlust. Nicht alle Ex-Paare legen (wie Mühl es quasi als Regelfall beschreibt), hunderte Kilometer zwischen sich und ihren Nachwuchs. Viele bleiben in der Stadt, manche gar in derselben Straße: der Kinder wegen. Dabei ist es sicher kein Vergnügen, die Neue des Ex beim Bäcker zu treffen.

Viele Eltern nervt, was die Boulevard-Presse über prominente Trennungspapas schreibt, die mit der Ex und der Neuen, mit seinen, ihren und den gemeinsamen Kindern einträchtig unterm Weihnachtsbaum sitzen. Allerdings ist hier nicht unbedingt das P-Wort das Problem – finde ich – sondern der Umstand, dass ein mit übervollen Kontos und gutbezahlten Nannys gestütztes Familienleben mit meinem einfach wenig zu tun hat.

Ich kenne große und kleine Familien, hetero- oder homosexuelle Eltern, mit oder ohne Pflege- und Adoptivkinder. Ich kenne alles Mögliche, aber keine einzige Familie, die ihr Leben mit einer lustigen TV-Serie verwechselt. Wird „gepatchworkt“ sieht es eher nach behutsamer, geduldiger, auch mühevoller Arbeit aus – wie bei den Quilts. Das Ergebnis ist nie perfekt, aber oft genug mindestens so schön und strapazierfähig wie eine große, wärmende Decke.

Themen: Quergedacht | Kein Kommentar »



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